Himmelfahrtspredigt 2014

Pastorin Britta Timmermann

Ev.-Luth. Friedensgemeinde Kiel

 

Eph 1,20b-23

Himmelfahrt/ 80 Jahre Barmen

Liebe Gemeinde,

der Predigttext für heute steht in einigen Versen des Epheserbriefes und stellt recht kurz und bündig die Bedeutung von Christi Himmelfahrt dar. Welche Tragweite diese paar Zeilen haben, zwei Sätze nur, hätte ich beim ersten Lesen fast übersehen, aber hören Sie selbst:

 

Durch die Macht seiner Stärke hat Gott ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen. Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles, welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

 

Demnach ist der Christus, der uns als Jesus von Nazareth begegnet ist, das einzig rechtmäßige Oberhaupt der Kirche. Er ist das Haupt der großen christlichen Gemeinde, und wir Christinnen und Christen sein lebendiger Leib.

Ein Bild, das für einige vielleicht ein bisschen seltsam ist, für andere das Selbstverständlichste überhaupt. Auf jeden Fall birgt dieses Bild einiges an politischem Sprengstoff.

Heute vor genau 80 Jahren tagte die Bekenntnissynode in Barmen. Und zwei Tage später, am 31. Mai 1934, verabschiedete diese Synode die so genannte Barmer Theologische Erklärung. Sie ist die zentrale theologische Äußerung der Bekennenden Kirche, also der Kirche im Widerstand,  unter der nationalsozialistischen Herrschaft 1933-1945. Sie richtete sich gegen die falsche Theologie und das Kirchenregime der so genannten "Deutschen Christen", die damit begonnen hatten, die evangelische Kirche der Diktatur der Nationalsozialisten anzugleichen.

 

Heute gehört die Barmer Theologische Erklärung als wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis zu den ausdrücklichen Glaubensgrundlagen in vielen Landeskirchen – seit der Fusion zur Nordkirche endlich auch zu unserer.

 

Im dritten Artikel dieser Erklärung  begegnet uns Christus als das Haupt der Kirche wieder, wiederum in einem Vers aus dem Epheserbrief. Ich zitiere aus der Barmer Erklärung:

III. Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist. (Eph 4, l5. 16)

Die christliche Kirche ist die Gemeinde von Menschen, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt. Sie hat mit ihrem Glauben wie mit ihrem Gehorsam, mit ihrer Botschaft wie mit ihrer Ordnung mitten in der Welt der Sünde als die Kirche der begnadigten Sünder zu bezeugen, dass sie allein sein Eigentum ist, allein von seinem Trost und von seiner Weisung in Erwartung seiner Erscheinung lebt und leben möchte.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen.

So weit das Zitat.

Mit dieser These, diesem Bekenntnis stellen die Kirchenvertreter klar, dass die Kirche nicht dem Staat gehört, sondern Jesus Christus, der selbst ihr Haupt ist. Damit entfiel der Anspruch der NSDAP und der linientreuen Deutschen Christen an der Deutschen Evangelischen Kirche – mindestens theoretisch.

Aber diese These zieht noch weitere Kreise, über ihre Zeit hinaus: Überhaupt wird sich die Kirche nicht den Menschen oder einem politischen System anpassen, obwohl sie natürlich versucht, in ihre Zeit und mit den Worten ihrer Zeit zu sprechen. Das heißt aber nicht, dass sich die Kirche oder gar die Bibel von einem menschlichen System oder einer Partei abhängig machen würde. Gleichzeitig wird deutlich, dass Kirche eine Gemeinde von Brüdern und Schwestern ist – durch Jesus Christus, der in dieser Kirche durch den Heiligen Geist und die Sakramente anwesend ist.

Das bedeutet, dass das Ziel, die Ausrichtung der Gemeinde und der einzelnen Gemeindeglieder immer das Lob Gottes und die Gemeinschaft mit Gott ist. Dadurch lässt sich das Ziel von Kirche und Gemeinde nicht unter das Ziel des Staates oder eines Systems stellen.

Kurzgefasst könnte man sagen: Das Ziel der Kirche ist es, Jesus zu bezeugen und nach seinem Willen zu handeln und zu leben. Die Kirche ist kein Zusammenschluss wie ein Sportverein, sondern von und durch Jesus gesendete Gemeinde.

Auf Christus als Haupt hin zu wachsen, bedeutet demnach nicht, immer mächtiger, einflussreicher und immer stärker zu werden, wie es etwa bei einem wirtschaftlichen oder politischen Wachstum geschieht. Das Wachsen auf Christus hin ist kein quantitatives, sondern eher ein qualitatives, inneres Wachsen, so wie Blumen dem Licht entgegenwachsen, auf seine Richtung hin.

Dazu erwartet dieses Kirchenoberhaupt von allen, eine radikale Veränderung von Mentalität und Lebensstil, einen Mentalitätswechsel weg von der menschgeleiteten, unbarmherzigen Welt hin zum Glauben, zur Barmherzigkeit, zum gnädigen Umgang miteinander. Eine Welt, in der nicht nur die Leistungsstarken willkommen sind, sondern eben auch die Mühseligen und Beladenen.

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Die großen Herausforderungen unserer Zeit liegen nach wie vor und unvermindert im Bereich der Nachhaltigkeit mit dem Ziel, der Schöpfung nicht mehr zu entziehen, als regeneriert werden kann. Dabei geht es zum einen um die Lebens- und Überlebensmöglichkeit der nächsten Generationen und zum anderen um die friedenssichernde Gerechtigkeit bei der weltweiten Verteilung von Ressourcen.

Die zerstörerische Kraft menschlicher Leidenschaften wie der Gier (nach Ansehen, Macht und Geld) oder einer menschlichen Schwäche wie der Feigheit kann zerstörerische, ja dämonische Züge annehmen. Dies potenziert sich noch, wenn sie von Menschen mit politischer, wirtschaftlicher oder militärischer Macht ausgelebt werden. Nach wie vor leiden mehr Menschen unter Menschen als unter der Natur.

Aber im Gegensatz zur Situation im Jahre 1934 sind die Mächte und Gewalten heutzutage nicht so eindeutig personifizierbar. Bei uns ist die z.B. Gier ein völlig „normaler“ Teil des Wirtschaftssystems.

Sie wird als Gewinnstreben öffentlich legitimiert und führt zu einer ständigen Kostenoptimierung. Allerdings auf Kosten derjenigen, die am unteren Ende der Qualifikations-, Leistungs- und Globalisierungsskala stehen. Bei uns profitiert die Mehrheit der Bevölkerung von diesem System – durch Einkommenszuwächse und zurückgehende Kosten für Nahrung und Kleidung. Es bleiben die anderen.

Und so lange es diese anderen gibt, so lange es ungerecht zugeht auf der Welt und ein Mensch den anderen ausbeutet, ihn kriegerisch unterdrückt oder ihm auf andere Art und Weise seine Lebensgrundlage entzieht, so lange ist die Welt noch nicht erlöst, sondern zutiefst erlösungsbedürftig. So lange ist sie aufgefordert, in wahrhaftiger Liebe auf das Haupt Christus hin zu wachsen.

Was würde Jesus Christus tun? Was würde er sagen als Politiker, als Prophet als Lehrer in unserer Zeit? --- Wenn ich mir anschaue, wie die Schriften des Neuen Testaments von ihm berichten, wird mir das sehr deutlich:

-          Er würde unser System der Ungerechtigkeit, der Ausbeutung und der Lebensfeindlichkeit enttarnen wie die Bigotterie der Pharisäer.

-          Würde – wo er kann - aufräumen wie bei der Tempelreinigung.

-          Würde sich an die Seite der Unterdrückten und Schwachen stellen wie bei den Heilungs- und Wundergeschichten.

-          Und er würde beten. Für unsere Welt, für die Opfer unserer Welt und für die Täter. Er würde gemeinsam mit uns Gott um Erlösung bitten, Erlösung für alle Menschen und für die ganze Schöpfung. „Dein Reich komme“ würde er uns wieder neu zu beten lehren.

Diesen Weg einzuschlagen, ehrlich zu sein, die Dinge beim Namen zu nennen  und dann die Menschen zu verbinden, miteinander und mit Gott, in der Gemeinschaft und im Gebet, das wäre so ein Mentalitätswechsel. Das wäre ein Wachsen auf Christus hin, auf das Kirchenoberhaupt, das uns als Jesus von Nazareth gezeigt hat, was unsere Werte als Christen sind und sein sollen: Nächstenliebe üben – und Gott bezeugen.

Für Hierarchiedenken und Gewalt ist bei diesem Kirchenoberhaupt kein Platz. Sehr eindrucksvoll schildert das die vierte Barmer These, wieder zu Beginn mit einem Schriftzitat:

IV Jesus Christus spricht: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener. (Mt 20,25.26)

Die verschiedenen Ämter der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.

Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere und mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben und geben lassen.

Liebe Gemeinde, Christus als Haupt der Kirche – das reicht. Mehr und andere Herrschaft und religiöse Führer brauchen wir nicht. Weder personale noch abstrakte wie Macht und Geld. Und wenn ich meine persönliche Meinung anfügen darf: Mehr und andere Herrschaft in Kirche möchte ich auch nicht.

Er gibt uns die Grundlage zu unserem Glauben. Er gibt uns Trost und Aufrichtung durch sein Wort. Und er gibt uns eine Perspektive, auf die hin wir glauben und leben sollen und können. Gründe genug, ihn anzubeten - und weiter auf ihn hin zu wachsen.

Amen